i-divadlo.cz // Reflexion // Édouard Louis dreimal und zum dritten Mal

Bereits zum dritten Mal haben Werke des französischen Schriftstellers Édouard Louis ihren Weg auf tschechische beziehungsweise Prager Bühnen gefunden. Nach den Adaptionen der gleichnamigen Romane in den Inszenierungen Wer hat meinen Vater umgebracht, die Jakub Čermák mit dem Ensemble Depresivní děti touží po penězích präsentierte, und Im Herzen der Gewalt von Tomáš Loužný am Prager Švandovo divadlo bildeten nun gleich drei Romane des Autors die Grundlage für die Inszenierung Anleitung, ein anderer zu werden der Městská divadla pražská: Die Freiheit einer Frau, Anleitung, ein anderer zu werden und Monique bricht aus. Für die Adaption und Regie zeichnet Dávid Paška verantwortlich, ein slowakischer Theaterregisseur, Dramatiker und Schriftsteller, der auch in Österreich, Rumänien und Deutschland sowie im Rahmen internationaler Koproduktionen tätig ist. Dem tschechischen Publikum stellte er sich bislang auf internationalen Festivals vor: im September 2025 mit der Inszenierung Tatarka des Slowakischen Nationaltheaters beim Internationalen Theaterfestival in Pilsen sowie im April dieses Jahres, als das Festival Nová Komedie Endsieg/Dobytí des Theaters Malá scéna aus Bratislava zu Gast hatte. Mit einem tschechischen Ensemble arbeitet Paška erstmals zusammen.
Im Programmheft zu seiner Prager Inszenierung führt er aus, dass er den Romanen von Édouard Louis, insbesondere dem titelgebenden Anleitung, ein anderer zu werden, während seines Studiums in Österreich begegnete und darin deutliche Parallelen zu seiner eigenen Erfahrung des Weggangs ins Ausland und seiner persönlichen Veränderung fand. Zugleich räumt er jedoch ein, dass er dem Werk des Autors im Laufe der Zeit kritischer gegenüberstand, und genau darin sieht er den Motor seiner gegenwärtigen Arbeit.
Der französische Schriftsteller und Intellektuelle Édouard Louis erzielte bereits mit seinem ersten autobiografischen Roman Das Ende von Eddy, auf den inzwischen sechs weitere folgten, weltweiten Erfolg. Darin kehrt er immer wieder zu seinem eigenen Leben und dem seiner Nächsten zurück, geprägt vom französischen Norden – einer der wirtschaftlich ärmsten Regionen des Landes, die sich durch ein niedriges Bildungsniveau, begrenzte Arbeitsmöglichkeiten und eine gewisse soziale Isolation auszeichnet. Er wirft Fragen nach Klassenungleichheit, Gewalt, Homophobie, sozialer Mobilität, Patriarchat und der Veränderung von Identität auf. Diesen Themen widmet er sich auch in seinen Vorträgen, in denen er eine breitere Reflexion dieser gesellschaftlichen Probleme mit persönlichen Erfahrungen verbindet.
Wie die Dramaturgin der Inszenierung, Lenka Veverková, im Gespräch mit dem Regisseur Dávid Paška im Programmheft anmerkt, lernt der Leser bei Autofiktion die übrigen Figuren ausschließlich durch persönliche Erinnerungen und Vermutungen darüber kennen, weshalb sie so handeln, wie sie handeln. Dávid Paška ergänzt, dass er den Text gerade deshalb dramaturgisch interessant finde. Auf der Bühne blieben vor allem die Interpretinnen und Interpreten – die Schauspielerinnen und Schauspieler als Träger des Textes –, und "die Art und Weise, wie sie sich diesen aneignen, schafft eine entscheidende Ebene der Autonomie, denn gerade ihr Bewusstsein für die Fragmentarität der Figuren und für ihre eigene Position in der Konstruktion der Situationen erzeugt eine bestimmte Form verfremdender Reflexion".
Mit dieser arbeitet er in seiner Inszenierung auf mehreren Ebenen ausgesprochen deutlich. Sowohl durch die Distanz der Schauspieler zu den Figuren als auch durch die Distanz in ihrer Darstellung, die betont, dass diese Figuren lediglich das sind, was der Autor über sie geschrieben hat, und dass sie sich dessen bewusst sind. So treten die Schauspieler nicht selten aus ihren Rollen heraus, indem sie einander im Verlauf der Handlung mit ihren eigenen Namen ansprechen oder Informationen in Form eines die Situation einleitenden Nebentextes ergänzen ("Fiktiver Monolog Elenas für Édouard von Édouard für die Figur Elena."), beziehungsweise in Form schlichter Feststellungen ("Ich habe da keinen Text mehr!"). Die Distanz, die die erwünschte Spannung erzeugt, wird auch durch den Wechsel der Erzählerpositionen verstärkt. Nicht selten werden Texte aus Louis' Büchern anstelle von Tomáš Dalecký, der die Figur Eddy verkörpert, von den anderen Schauspielern deklamiert, während auf der Bühne konkrete Situationen gespielt werden, von denen sie sprechen. Kritische Kommentare zu den jeweiligen Situationen fügen sie auch aus der Position bestimmter Figuren hinzu ("Das soll ich sein?"). So verleihen sie ihnen eine Stimme, die einerseits weiterhin durch das Geschriebene des Autors begrenzt ist, andererseits jedoch gerade durch den eigenen schauspielerischen Ausdruck auf gewisse Weise persönlicher wird. Der Autor, verkörpert durch die Figur Eddy, bleibt jedoch eindeutig und unüberwindbar – in jenen Momenten, in denen er den Text anhält, ihn weitertreibt und die anderen nicht ausreden lässt, weil sie gerade in endlose Streitigkeiten geraten oder auf unangenehme Tatsachen stoßen.
Das fünfköpfige Schauspielensemble – Tomáš Dalecký als Eddy, Eva Salzmannová als seine Mutter Monique, Ivana Uhlířová als seine Schwester Clara, Petr Jeništa als Vater und Tomáš Weisser als Bruder, wobei mit Ausnahme von Tomáš Dalecký alle auch weitere zentrale Figuren verkörpern – wird auf der Bühne zudem durch einen Kameramann ergänzt (Dominik Lukács Žižka beziehungsweise Ludvík Otevřel). Mit einer auf einem Kran und einer Schiene montierten Kamera nimmt er das Bühnengeschehen live auf und vermittelt es dem Publikum mittels Live-Cinema aus einem anderen Blickwinkel und in größerem Detail, als es dieses selbst beobachten könnte. Darüber hinaus treten die Schauspieler selbst in die Aufnahmen, verschieben die Kamera oder richten sie neu aus, damit sie die Bilder entsprechend dem aufnimmt, was sie dem Publikum gerade im Detail zeigen oder vor ihrem Blick verbergen möchten. Dadurch betonen sie zusätzlich die verfremdende Distanz, das Arbeiten mit mehreren Ebenen und die Problematik, Situationen nur aus bestimmten Blickwinkeln zu betrachten – etwas, das Édouard Louis als Autor im Einklang mit den Äußerungen jener Familienangehörigen, über die er schreibt, durchaus vorgeworfen werden kann.
Dávid Paška gelingt es somit, mit der Verschiedenheit der einzelnen Ebenen zu arbeiten, sie miteinander in Konflikt zu bringen und zugleich zu verbinden, sie wie Schalen übereinanderzulegen, ohne dabei jedoch die Geschichte aus den Augen zu verlieren, die Édouard Louis und die auf drei seiner Romane beruhende Inszenierung erzählen. Eine Geschichte über den schwierigen Weg in die Selbstständigkeit, über Befreiung und Veränderung – und zwar nicht nur über die des Autors, Eddys eigene, sondern auch über die seiner Mutter. Monique wird neben Eddy zur markantesten und wichtigsten Figur der Inszenierung. Insbesondere am Ende, wenn die bis dahin hektische, in rasendem Tempo verlaufende Handlung, der das gesamte fünfköpfige Ensemble mit vollkommener Souveränität gerecht wird, für einen Moment einer Verlangsamung und einem eingespielten, vorab gedrehten Film weicht. Vor allem durch diesen wirkt sie kurzzeitig, jedoch keineswegs nur einmal, wie die Hauptfigur – als sollte Eddys Geschichte "nur" das einleitende Moment für ihre eigene sein.
Unterstrichen wird dies nicht nur durch die ähnliche Geschichte beider Figuren, sondern auch durch dieselben Passagen, dieselben Worte, Schreie und Klagen, die beide in bestimmten Momenten nahezu unabhängig voneinander äußern beziehungsweise die Eddy seiner Mutter nachspricht. Tomáš Dalecký und Eva Salzmannová erhalten dadurch den größten schauspielerischen Raum und nutzen ihn vollständig aus. Doch auch die anderen zögern nicht: Ivana Uhlířová, Petr Jeništa und Tomáš Weisser wechseln souverän zwischen den einzelnen Figuren, die sie verkörpern, ebenso wie zwischen den unterschiedlichen Ebenen der Inszenierung. Die Situationen, in denen sich die Geschichte von Eddys Leben entfaltet, sind ausgesprochen expressiv und stellen so die Gewalt, von der Louis erzählt, effektvoll dar – im erwünschten Gegensatz zur Distanz und Sachlichkeit der "übergeordneten" Ebenen der Inszenierung.
Mit dieser Inszenierung ist den Městská divadla pražská in der laufenden Spielzeit bereits zum wiederholten Mal ein Volltreffer gelungen. Auch wenn sie aufgrund ihrer Form für viele Zuschauer schwer zugänglich sein mag und es eine Weile dauern kann, bis man sich auf die gewählte Gestalt einlässt, stellt Anleitung, ein anderer zu werden nach Vernichten – das ebenfalls im Divadlo Komedie gezeigt wird – eine weitere gelungene Adaption gegenwärtiger und thematisch hochaktueller Literatur dar. Sie verleiht ihr die notwendige Distanz und Übersicht, nutzt beliebte moderne Bühnenmittel und profitiert vor allem von vollkommen konzentrierten, bis ins Detail ausgearbeiteten und präzisen schauspielerischen Leistungen.