ein jedermann

Text: Thomas Perle

Regie: Dávid Paška

Bühnenbild: Julius Leon Seiler
Dramaturgie: Thomas Perle
Kostüme: Maria Lena Poindl
Musik: Magor Bocsárdi
Regieassistenz: Pia Carla Ionescu - Liehn

Besetzung: Fabiola Petri, Benedikt Hafner, Daniel Bucher, Emőke Boldizsár, Ali Deac, Theodora Sandu, Yannick Becker, Ștefan Tunsoiu, Ioana Cosma, Johanna Adam

Termine
Fr. 20.01.2022 - 19:30 Uhr

Adresa:
Teatrul Național Radu Stanca Sibiu,
Bvd. Corneliu Coposu nr. 2550245 Sibiu Romania

Der Mythos Jedermann verhält sich seit nunmehr 101 Jahren zur österreichischen Stadt Salzburg wie das Schnitzel zu Wien, Karneval zu Rio oder die Gondeln zu Venedig. Das von Hugo von Hofmannsthal geschriebene und 1911 von Max Reinhardt in Berlin uraufgeführte Mysterienspiel vom Sterben des reichen Mannes bildet das Fundament für die im Sommer stattfindenden Salzburger Festspiele, zu denen jährlich tausende Tourist:innen drängen um sich das Highlight des Festivals traditionell im Freien auf dem Domplatz anzuschauen.

2022 kann man ihn nun auch in Sibiu/Hermannstadt sehen, den Jedermann, neu interpretiert und umgeschrieben von Thomas Perle, der das unantastbar scheinende Emblem deutschsprachiger Hochkultur streng unter die Lupe nimmt, ihm gnadenlos auf den Zahn fühlt und ihn dafür in das rumänische Salzburg - Ocna Sibiului - verfrachtet.

Hier, an diesen einst luxuriösen Badekurort entstanden in der Blütezeit des Habsburgischen Reiches hat sich domnul iedeman mitsamt Familie und Belegschaft eingekauft. Hier träumt er von einem Skigebiet ganz wie in Österreich, seinem persönlichen Ischgl, für das der rumänische Wald abgeholzt werden muss, koste es was es wolle, schließlich schafft er dadurch Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung.
Frau Jedermann leidet still an seiner Seite, die Ehe mit ihrem Mann Teil der bürgerlichen Fassade, die beide stoisch aufrecht erhalten. Seine wahre Liebe kann er nur versteckt ausleben, in kurzen Momenten der Zuneigung zwischen Hauptgang und Dessert bei der Benefizgala, die seine Frau eigens für einen von ihr als gut befundenen Zweck organisiert.

EIN JEDERMANN von Thomas Perle ist kennzeichnend für unsere kapitalistische Gegenwart, in der weder natürliche Ressourcen, noch Menschenleben mehr wert sind als finanzieller Profit, in der der Westen Mitwisser und Mittäter ist und in der sexuelle und ethnische Minderheiten immer noch nicht den gleichen Status und die gleichen Chancen haben wie die weiße, heterosexuelle Norm. Er ist bezeichnend für eine elitäre Ellenbogengesellschaft, die nach dem Motto friss oder stirb sowohl Täter, als auch Opfer ihrer selbst ist. Und wenn Jedermann im Originaltext erst durch den ihm drohenden eigenen Tod einsieht, wie korrupt und zerstörerisch er ist, so scheint in dieser dramaturgischen Variante der Tod die einzig mögliche (Er)lösung.