aktuality.sk // Interview // Die eine Seite will gestalten und leben, während die andere Seite buht und sich ausgeschlossen fühlt

Autor: David Žák
Der Gesellschaft einen teuren Spiegel vorzuhalten und mit einem Lächeln Kritik zu üben, ist laut Dávid Paška ein Privileg und zugleich eine Pflicht. An das Theater geht er nicht nur als Erfüllung eines Spielplans heran.
Im Bratislavaer Pavol-Országh-Hviezdoslav-Theater (DPOH) wird eine ungewöhnliche Verbindung von Klassiker und appellativem Einakter lebendig.
Regisseur Dávid Paška hat in der Inszenierung Der Kaufmann von Venedig/Mauser Shakespeare mit einem Text von Heiner Müller verbunden und damit ein Werk geschaffen, das scharf auf aktuelle gesellschaftliche Spannungen reagiert.
Paška zufolge ist die Inszenierung durch die unkonventionelle Verbindung zweier unterschiedlicher dramatischer Welten außergewöhnlich; dadurch entstand auf der Bühne ein völlig neues, parabolisches Bild des abschließenden Gerichtsprozesses. Er betont, dass die Inszenierung bewusst mit Karikatur und allgegenwärtigem Antisemitismus arbeitet.
Sie haben eine außerordentlich anspruchsvolle Inszenierung herausgebracht. Darin haben Sie zwei unterschiedliche dramatische Texte verbunden – Mauser und Shakespeares Kaufmann von Venedig. War das für Sie als Angehöriger der Generation Z herausfordernd?
Da ich eine klassische Schauspieltheater-Ausbildung im Bereich Theaterregie und Dramaturgie habe, hatte ich bereits in der voruniversitären Zeit Erfahrung mit Shakespeare. Die Annäherung an den Text war also keine generationelle, sondern eher eine akademische. Ebenso war es bei Heiner Müller eine Erfahrung akademischer Art sowie eine Begegnung mit Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum, in dem ich studiert habe und in dem ich aktiv arbeite.
Schwieriger war vielmehr, diese beiden Texte zu kombinieren, was an sich schon unkonventionell ist. Der Kaufmann von Venedig hat seine eigenen Probleme und seine eigene Rhythmik; wenn man diese einmal bricht, muss man sie wieder neu aufbauen. Der Text von Heiner Müller hingegen ist nicht für das Repertoiretheater bestimmt. In den Aufführungsrichtlinien des Stücks ist sogar eher das Prinzip einer Übung angelegt: in ihm Universalität zu suchen und nicht Antworten wie in einem Studienmaterial. Müller spricht darin von proletarischer Revolution.
Diese Dinge chirurgisch präzise so zu streichen, dass sie in eine universelle Parabel für Der Kaufmann von Venedig und die Prinzipien des christlichen Humanismus passen, war sehr anspruchsvoll. Es gelang in dem Moment, als die Texte nicht bloß ineinander verflochten wurden, sondern im Inneren des Stücks eine völlig neue Szene entstand. So entstand ein parabolisches Bild des großen abschließenden Gerichtsprozesses aus Der Kaufmann von Venedig.
Reflektiert Shakespeare auch unsere heutige Zeit? Ist er als Autor zeitlos?
Ganz bestimmt. In seinen Werken schafft er im Grunde einen Paradox. Seine Stücke sind voller Arbeit mit dem Publikum und mit der Reflexion des Zuschauerblicks auf das jeweilige Stück. Deshalb können wir von universellen Texten sprechen, die jede Zeit überleben.
Der Kaufmann von Venedig ist auch dafür berüchtigt, dass er in den schlimmsten Zeiten der Menschheitsgeschichte gespielt wurde. Der Zugang zu diesem Stück muss daher das 20. Jahrhundert berücksichtigen, insbesondere den Zweiten Weltkrieg und das nationalsozialistische Deutschland, als dieses Stück sehr häufig von Parteitheatern aufgeführt wurde.
Wir müssen also darüber nachdenken, wie wir uns diesem Stück mit dieser gesamten historischen Erfahrung nähern, die sich aktiv oder passiv mit dem Werk selbst verbindet. Schon das ist ein unbestreitbarer Faktor: Das Stück ist von Geschichte gezeichnet.
Passt es zur gegenwärtigen Situation, die wir in der Slowakei erleben?
Wir stellen fest, dass ja, denn es handelt sich um eine Modellsituation und einen Modellkonflikt. Dort werden nicht nur grundlegende Fragen in Bezug auf Judentum oder Nation als solche gestellt. Es geht um Prinzipien: Die eine Seite spricht von Gesetzmäßigkeit und Recht, während die andere von Idealen spricht. Grundsatz und Ideal stehen hier gegeneinander, was äußerst interessant ist, weil es sich um einen grundlegenden Konflikt handelt. Darin liegen enorme Widersprüche in Bezug auf Heuchelei, Wahrheit, Grausamkeit und Gnade, die sich auf jede beliebige Situation anwenden lassen.
Was die slowakische Situation und das betrifft, was wir in unserer Justiz sehen, handelt es sich um einen direkten Verweis. Man muss nicht einmal in der Tagespolitik besonders bewandert sein, um das Unrecht und den bitteren Beigeschmack wahrzunehmen, die in diesen Dingen entstehen. Das Publikum wird darin vielleicht Parallelen finden.