divadelni-noviny.cz // Rezension // Die wilde Eroberung des Westostens

14.05.2026

Autor: Jan Hurta

Rezension von: Divadelní noviny

Kurz nach der zweiten Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten veröffentlichte die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek ihr Werk Endsieg. Der postdramatische Text hat die Form eines ununterbrochenen Bewusstseinsstroms, der assoziativ Trumps Machtantritt verfolgt und zugleich die gesamte republikanische MAGA-Bewegung in grotesker Satire charakterisiert. Regisseur Dávid Paška verteilte die Vorlage auf vier Schauspieler:innen und bezog sie in der freien Übersetzung des Dramaturgen Martin Kubran auch auf die gegenwärtige, in vieler Hinsicht sehr ähnliche politische Situation in der Slowakei. So brachte das bratislavische Divadlo Malá scéna zum vierten Jahrgang des Festivals Nová Komedie eine äußerst aktuelle und dringliche Reaktion auf das weltpolitische Geschehen mit.

Endsieg // Dobytie beginnt mit einer zweistimmigen Rezitation von Paul Celans "Todesfuge" (Zuzana Fialová und Annamária Janeková), deren Verse im Verlauf der Aufführung leitmotivisch wiederkehren. Gerade dem kompositorischen Prinzip der Fuge folgt die Inszenierung formal und strukturell über ihre gesamte Dauer hinweg. Obwohl sich Jelineks apokalyptische Vision des trumpistischen Amerikas vor allem um das Thema der Machtaneignung dreht, kehren einzelne Motive ständig zurück, schichten sich übereinander und durchdringen einander wie in einer musikalischen Komposition. Paška nimmt den melodischen Aufbau der Vorlage als szenischen Ausgangspunkt und arbeitet damit auch in der Führung des Schauspielquartetts präzise. Die Schauspieler:innen verkörpern keine konkreten Figuren; durch Alter und Textverteilung lassen sie sich jedoch als Prototyp einer amerikanischen Familie lesen – die Eltern (Robert Roth und Zuzana Fialová) und ihre beiden erwachsenen Kinder (Dávid Hartl und Annamária Janeková). Eine ganz gewöhnliche MAGA-Familie also, die voller Erwartung auf Trumps zweite Wahl blickt und ihn fanatisch als Retter, König und Erlöser verherrlicht.

Gerade auf dem Schauspielquartett und dessen Textinterpretation baut die Inszenierung in hohem Maße auf. Für Jelineks dichten und ausgesprochen wortreichen Gedankenstrom wählte Paška eine expressive und stark stilisierte Form. Die Schauspieler:innen schleudern dem Publikum die scheinbar endlosen Sätze regelrecht wie aus einem Maschinengewehr entgegen; das Tempo ihrer Kadenz ist derart hoch, dass sich Worte und Bedeutungen kaum vollständig erfassen und verarbeiten lassen. Dieses atemlose Sprechtempo wird jedoch immer wieder durch kontrastierende Verlangsamungen, Betonungen einzelner Wortzwischenräume oder lange Momente der Stille unterbrochen. Die verbale Ebene des Spiels erreicht dadurch – besonders in den schnellen Passagen – beinahe den Charakter einer sportlichen Höchstleistung und stellt enorme Anforderungen an die Darsteller:innen: Entscheidend ist die Präzision jedes einzelnen Wortes und Atemzugs, die sich zugleich mit Rhythmus, Intonation und Ironie verbinden muss.

Die Diktion von Robert Roth ist dabei geradezu hypnotisch, äußerst präzise und gleitet fließend zwischen verschiedenen stimmlichen Registern. Darüber hinaus strukturiert Roth seinen Vortrag meisterhaft und fesselt das Publikum mit markanten Grimassen und Gesten. Ebenso mitreißend wirkt Zuzana Fialová, die im Vergleich zu Roth auf einen geringeren Grad an Stilisierung setzt, wodurch sie natürlicher zwischen dogmatischer Überzeugung und ironischem Unterton oszillieren kann. Obwohl Roth und Fialová deutlich mehr Raum erhalten, steht ihnen das jüngere Schauspielduo in nichts nach. Annamária Janeková bildet den fragilsten Teil des Ensembles und tritt ihm häufig entgegen. Besonders deutlich wird dies in einer Szene, in der sie mit verbundenen Augen allegorisch die Göttin der Gerechtigkeit verkörpert, die gegenüber der eingetretenen Situation machtlos bleibt und blind dem Bühnenrand entgegengeht. Dávid Hartl wiederum behauptet seine Position der Stärke nicht nur durch Worte, sondern auch durch seine durchtrainierte Erscheinung. Oben ohne, mit MAGA-Kappe und Jeans mit geschichteten Fransen aus zerrissenem Denim, erscheint er als moderner Cowboy, der Trump verehrt und dessen bekannte Gesten treffend imitiert – das Zwinkern ins Publikum, den erhobenen Daumen und die lächerlichen Tänzchen.

Die Atmosphäre des Wilden Westens wird zudem durch die Bühnenbildgestaltung von Julius Leon Seiler vervollständigt. Auf der Bühne, die mit Büscheln vertrockneten Strohs bedeckt ist, stehen zwei Gebäude aus weiß gestrichenen Holzlatten. Das weiße Haus im Vordergrund ist neben der offensichtlichen Allegorie auf den Präsidentensitz zugleich ein Sinnbild für Trumps Persönlichkeit: Der Eingang wird von prunkvollen dorischen Säulen eingerahmt, die jedoch nicht verbergen können, dass es sich im Kern weiterhin nur um eine primitive Hütte handelt. Das zweite Gebäude im hinteren Bühnenbereich ist eine Scheune. Darin befindet sich ein Solarium, das – wenig überraschend – an einen Sarg erinnert und somit eine weitere ironische Spitze gegen den "orangen Mann" bildet, dessen politische Rückkehr eher einer Wiederbelebung eines Leichnams als der zweiten Ankunft eines Erlösers gleicht.

Auf einem Bildschirm auf dem Dach der Scheune wechseln sich Live-Cinema-Aufnahmen mit Fernsehwerbungen aus den 1960er Jahren ab. Während die Live-Cinema-Bilder (Ráchel Rimarčíková) aus dem Inneren des Hauses eine intimere und weniger konfrontative Ebene vermitteln, dienen die Werbespots als Charakterisierung einer amerikanischen Gesellschaft, in der Konsumismus und simple Verkaufsslogans ihren Weg aus dem Fernsehen bis in die höchste Politik gefunden haben. Bühnenbild und Kostüme arbeiten somit vor allem mit Assoziationen und Symbolen und unterstützen dadurch die suggestive Sprache des Stücks auf hervorragende Weise.

Die einzelnen Teile der Inszenierung werden von Schüssen gerahmt, die auf das Attentat auf Trump verweisen. Verbunden werden dabei jedoch sowohl Ohr als auch Bauch, denn gerade Attentate – bei denen zudem spekuliert wird, inwieweit sie für politische Zwecke inszeniert wurden – bilden eine der Parallelen zwischen Trumps USA und Ficos Slowakei. Beide Politiker teilen außerdem eine nationalistische Rhetorik, die nach den "guten alten Zeiten" ruft, einen chauvinistischen Umgang mit oppositionellen Kandidatinnen (Harris und Čaputová) sowie eine fanatisierte Wählerschaft.

Paška und Kubran ist damit ein außergewöhnlich aktueller dramaturgischer Wurf gelungen, dessen Spannungsfeld zwischen Westen und Osten der Inszenierung enorm zugutekommt, weil sich ähnliche populistische Tendenzen weltweit immer häufiger beobachten lassen – letztlich auch bei uns. Trump fungiert dabei oft als Vorbild für Politiker dieses Typs, die sich stolz und mit roter Kappe auf dem Kopf zu ihm bekennen. Endsieg // Dobytie verweist somit in einem größeren Zusammenhang auf einen globalen Paradigmenwechsel, strukturelle Probleme der Demokratie und die fortwährende Eskalation politischer Rhetorik.

Zwischen meinem Besuch der Vorstellung und der Veröffentlichung dieses Textes wurde zudem ein weiteres Attentat auf Trump verübt, und Trump selbst stellte sich auf seinem sozialen Netzwerk Truth Social mithilfe von KI als Jesus Christus dar. Man gewinnt beinahe das Gefühl, Jelineks politische Satire tatsächlich zu erleben – und fragt sich nur noch, wie weit das alles gehen kann. Paška gibt uns dabei kaum Hoffnung auf bessere Zeiten.

Elfriede Jelinek: Endsieg // Dobytie
Übersetzung und Dramaturgie: Martin Kubran
Konzept, Bearbeitung, Regie: Dávid Paška
Konzept, Bühne: Julius Leon Seiler
Konzept, Kostüme: Maria-Lena Poindl
Musik: Ivan Acher
Kamera: Ráchel Rimarčíková

Inszenierung des Divadlo Malá scéna Bratislava, gezeigt im Rahmen des Festivals Nová Komedie im Divadlo Komedie am 20. April 2026.

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